Die Universität Neuenburg ist mit rund 5'000 Studierenden eine vergleichsweise kleine Universität. Gerade ihre Grösse fördert jedoch eine Kultur des Austauschs, der Offenheit und der Interdisziplinarität.
Prof. Dr. Emmanuelle Reuter forscht und lehrt als Professorin für Innovationsmanagement und leitet den Masterstudiengang Innovationsmanagement.
Nach Stationen in Lehre und Forschung in Frankreich, der Ostschweiz und den USA kam sie mit einer klaren Mission nach Neuenburg: Lehre und Forschung so zu gestalten, dass sie nicht nur wissenschaftlich fundiert sind, sondern auch gesellschaftliche Wirkung entfalten. «Mich begeistert die Vielfalt der Aufgaben. Ich schätze es sehr, intensive Forschung mit dem direkten Austausch mit Studierenden zu verbinden», sagt Reuter.
Ihre Grundüberzeugung: Komplexität annehmen, ohne in der Theorie stecken zu bleiben. Gerade bei strategischer Innovation ist es entscheidend, gesellschaftliche und technologische Entwicklungen im Blick zu behalten. «Die akademische Welt lebt von Disziplin, braucht aber auch Offenheit für neue Perspektiven», erklärt sie.
Innovationsmanagement an Hochschulen
Als Professorin für Innovationsmanagement sieht Reuter Hochschulen in einer Schlüsselrolle: Sie sollen nicht nur forschen, sondern Innovation auch in ihren eigenen Strukturen leben – insbesondere im Umgang mit KI, neuen Lernformaten und einem Arbeitsmarkt im Wandel. «Wir beobachten eine Veränderung. Arbeitgeber erwarten zunehmend, dass Absolventinnen und Absolventen bereits praktische Umsetzungskompetenzen mitbringen. Darauf müssen wir reagieren.»
Innovation in der Lehre bedeutet für sie, Studierende nicht nur Wissen wiedergeben zu lassen, sondern sie dazu zu befähigen, es zu übertragen und anzuwenden. Dafür braucht es Interdisziplinarität, die Bereitschaft, akademische Routinen zu hinterfragen, und Offenheit für die sich verändernde Rolle der Studierenden. «Wir müssen fundierte Theorie und praktische Anwendbarkeit in ein Gleichgewicht bringen», betont Reuter. Dieses Prinzip möchte sie im gesamten Masterstudiengang verankern.
Wissenschaft und Praxis verbinden
Ein Schwerpunkt von Reuters Arbeit ist die Zusammenarbeit zwischen Hochschulen und Unternehmen oder öffentlichen Institutionen. An der Universität Neuenburg werden praxisorientierte Abschlussarbeiten und gemeinsam entwickelte Kursformate gezielt gefördert. «Wir integrieren reale Herausforderungen direkt in unsere Seminare. Die Studierenden bearbeiten diese Fragestellungen in Teams und werden dabei sowohl von Lehrpersonen als auch von externen Partnern unterstützt.»
Praktika und anwendungsorientierte Masterarbeiten gehören in vielen Studiengängen der UniNE zum Standard. Reuter sieht darin einen klaren Gewinn für beide Seiten: «Wir erhalten Einblick in reale Herausforderungen, während Unternehmen von einer strukturierten Analyse profitieren. Dafür braucht es jedoch klare Erwartungen und eine solide konzeptionelle Grundlage.»
Ihre Empfehlung? Mehr Plattformen, die Herausforderungen, Bedürfnisse und Kompetenzen sichtbar machen. «Wissenschaft und Praxis sprechen oft unterschiedliche Sprachen. Deshalb brauchen wir mehr Formate, die den Austausch fördern.»
KI in Abschlussarbeiten: verantwortungsvoll experimentieren
Kaum ein Thema bewegt die Hochschulwelt derzeit so stark wie die Rolle von KI beim wissenschaftlichen Schreiben. Reuter beobachtet die Entwicklung mit reflektiertem Pragmatismus: «Wir stehen noch am Anfang. Entscheidend ist, Studierende zu einem kompetenten und verantwortungsvollen Umgang mit KI zu befähigen.»
Die Herausforderungen? Unsicherheit im Umgang mit KI-generierten Ergebnissen, mangelnde Transparenz bei der Nutzung und das Spannungsfeld zwischen Kreativität und Automatisierung. Reuters Ansatz: «Transparenz, Offenheit und klare Standards. Wir sollten diese Werkzeuge nicht verbieten, sondern sie einordnen, erklären und den verantwortungsvollen Umgang damit begleiten.»
Gleichzeitig sieht sie grosses Potenzial, insbesondere bei der Simulation von Szenarien oder der Analyse komplexer Daten. «Studierende müssen diese Werkzeuge kennen und lernen, sie kritisch zu hinterfragen. Dann werden sie zu einer Unterstützung statt zu einer Bedrohung.»
Rückblick: Was ein Doktorat lehrt
Im Rückblick beschreibt Reuter ihr Doktorat als intensive und prägende Erfahrung:
«Ein Doktorat ist wie ein Ultramarathon. Man braucht Ausdauer, intrinsische Motivation und die Fähigkeit, mit Unsicherheit umzugehen.»
Ihre wichtigsten Erkenntnisse? Kritik annehmen, mit Feedback arbeiten und dabei nie das grosse Ganze aus den Augen verlieren.
Diese Erfahrungen prägen heute auch ihre Betreuung von Studierenden, insbesondere bei Abschlussarbeiten: «Es geht nicht nur darum, Methoden zu beherrschen. Entscheidend ist, ob jemand den Mut hat, sich wirklich auf eine Fragestellung einzulassen.»
