„Mir ist aufgefallen, dass ich tatsächlich Freude daran habe, meine Dissertation zu schreiben“, erinnert sich Moritz Dalheimer. Was viele Studierende als einmalige akademische Pflicht empfinden, wurde für ihn der Einstieg in die Forschung und in eine akademische Welt, die er heute aktiv mitgestaltet.
Dalheimer promoviert derzeit im Bereich Financial Services Innovation an der Universität St. Gallen und ist Präsident von DocNet, der Doktorierendenvereinigung der HSG. In dieser Funktion vernetzt er rund 300 aktive Promovierende und über 1 000 Alumni. Seine Mission: Austausch fördern, Verbindungen schaffen und neue Perspektiven eröffnen.
„Gerade am Anfang haben viele Promovierende wenige soziale Kontakte. Sie fangen zu unterschiedlichen Zeiten an, sind über verschiedene Orte verteilt und begegnen selten anderen Forschenden.“ Hier setzt DocNet an. Durch akademische und soziale Formate stärkt die Vereinigung Gemeinschaft und Dialog. „Wir sind eine Plattform für Verbindungen – zwischen Promovierenden und auch mit Unternehmen.“
Zwei zentrale Ziele leiten ihre Arbeit: Erstens ein starkes internes Netzwerk aufbauen. Zweitens den interdisziplinären Austausch fördern. Am deutlichsten wird das beim jährlichen DocNet-Symposium, das hochkarätige Gäste aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik zusammenbringt. „Wir wollen relevante gesellschaftliche Fragen diskutieren. Viele Promovierende wollen in der Praxis etwas bewegen, nicht nur eine akademische Laufbahn verfolgen.“
Wissenschaft und Wirtschaft: Potenziale, Fallstricke und praktische Ratschläge
Diese Suche nach Wirkung zeigt sich auch in der täglichen Forschung. „Wir promovieren im Managementkontext, das heisst, den Status quo analysieren, Leistungsunterschiede verstehen und Empfehlungen ableiten.“ Ohne Praxisrelevanz bleibe diese Arbeit jedoch abstrakt. „Wir brauchen Einsichten aus der Praxis, Daten, reale Probleme – und die richtigen Partner.“
Die HSG, erklärt er, sei dafür gut positioniert. Praxisorientierung gehöre zur DNA der Universität. Dennoch ist die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft leichter gesagt als getan:
- Unternehmen veröffentlichen keine "Forschungsausschreibungen"
- Lehrstühle können nicht jedes Thema abdecken
- Ressourcen und Datenzugang müssen zusammenpassen
„Wir Promovierenden sind oft die Brücke – zwischen Professoren und Studierenden, zwischen akademischen Teams und Unternehmen. Wir geben Feedback, sorgen dafür, dass alle gehört werden, und fangen die Dinge auf, die sonst durch die Ritzen fallen.“
Das gelte besonders bei der Betreuung von Bachelor- oder Masterarbeiten. „Da steckt erstaunlich viel Koordination drin und viel ungenutztes Potenzial.“ Wenn Unternehmen Teil des Prozesses sind, werde es noch komplexer. „Es braucht zwei Seiten, die wirklich motiviert sind – und die sich finden.“ Das ist nicht einfach. „Es gibt keinen Marktplatz für Forschungsthemen. Viele tolle Matches kommen nie zustande.“
Dann sind da noch die unterschiedlichen Erwartungen: „Unternehmen erwarten Beratung; wir müssen publizieren. Unsere Arbeit ist objektiv, nicht instrumental.“ Deshalb sei Klarheit von Anfang an entscheidend:
„Was will das Unternehmen eigentlich? Ist das Projekt wissenschaftlich machbar? Sind die richtigen Daten verfügbar?“
Dalheimer plädiert für mehr Transparenz und Offenheit auf beiden Seiten: „Forschende sollten proaktiv auf Unternehmen zugehen. Und Unternehmen sollten ihre Fragestellungen offenlegen, auch wenn es noch kein fertiges Projekt gibt.“ „Nicht jede Absage ist etwas Schlechtes. Manchmal passt es einfach nicht. Wenn man dran bleibt, kann aber etwas Grossartiges entstehen.“
Fachzeitschriften: Praxisorientierte Forschung braucht Sichtbarkeit
Praxisrelevanz allein reiche nicht, wenn sie im akademischen System nicht sichtbar werde. Eine zentrale Spannung liege darin, dass Top‑Management‑Zeitschriften oft theoretische Modelle gegenüber praxisbasierten Studien bevorzugten. „Viele praxisorientierte Studien bieten echten Mehrwert, landen aber nicht dort, wo sie Sichtbarkeit und Anerkennung erhalten“, sagt Dalheimer. Während Unternehmen konkrete, umsetzbare Erkenntnisse suchen, bleibe akademische Forschung häufig auf hohem Abstraktionsniveau. Nötig seien Formate, die sowohl methodische Strenge als auch Praxisrelevanz zulassen.
„Wir müssen nicht nur angewandte Forschung machen. Wir müssen sie auch zeigen. Und wir müssen sie wertschätzen.“
Nur so, argumentiert er, lasse sich die Brücke zwischen Universität und Wirtschaft nachhaltig stärken.
Ein abschliessender Appell
Dalheimers Schlussfolgerung ist klar: „Forschung, die Wirkung erzielt, ist möglich – wenn beide Seiten offen sind, gut kommunizieren und gemeinsam strukturelle Hürden abbauen.“
Seine Botschaft an Promovierende? „Bleibt beharrlich. Sprecht mit Leuten. Bleibt offen. Und nehmt Absagen nicht persönlich.“
Seine Botschaft an Unternehmen? „Macht eure Forschungsinteressen sichtbar. Geht auf akademische Institute zu. Stellt Fragen, auch wenn ihr noch kein fertiges Projekt habt.“
Und sein Wunsch für das System insgesamt? „Dass angewandte Forschung mehr Sichtbarkeit erhält – nicht nur in Zeitschriften, sondern auch in der Art und Weise, wie akademische Karrieren aufgebaut werden.“
