Dr. Viktoria Mauz spricht aus Erfahrung: "Ich habe meinen Bachelor an der DHBW Heidenheim in Deutschland gemacht, mit Fokus auf Industrie. Es war eine Schule fürs echte Leben." Von Anfang an verband sie Theorie und Praxis. Nach einem Master in International Marketing and Business Model Innovation – und mehreren Jahren Berufserfahrung in der Industrie – ging sie den nächsten Schritt: eine berufsbegleitende Doktorarbeit mit Fokus auf digitale Transformation.
"Ich habe gesehen, wie viele Digitalisierungsprojekte in der Praxis scheitern. Ich wollte das verstehen – und verändern." Ihre Dissertation, die sie im Juni 2025 erfolgreich verteidigte, führte zu einem praxisorientierten Rahmenwerk, das Unternehmen hilft, Transformationsprozesse wirksamer zu steuern.
Diese Nähe zu realen Herausforderungen prägt auch ihre Haltung zur Forschung: "Natürlich musste ich mich als Forschende disziplinieren, nicht in einen Beratungsmodus zu verfallen. Aber genau dieser Drang – nicht nur ein Problem zu analysieren, sondern es zu lösen – war für mich ein starker Antrieb."
Abschlussarbeiten als Realitätscheck
Für viele Studierende ist eine Abschlussarbeit der letzte Schritt vor dem Einstieg ins Berufsleben. Für Mauz ist sie viel mehr als nur eine akademische Pflicht:
"Oft ist sie die erste echte Gelegenheit, das Gelernte zu testen – ein entscheidender Realitätscheck."
Als ehemalige duale Studierende weiss sie, wie prägend diese Erfahrung sein kann – wenn das Umfeld stimmt: "Was macht eine gute Abschlussarbeit aus? Eine klar formulierte, messbare Problemstellung. Keine offene 'mal schauen, was ihr findet'-Aufgabe – sondern eine konkrete Herausforderung, um die herum Studierende ihre Forschung aufbauen können."
Sie sieht auch die Herausforderungen auf beiden Seiten. Unternehmen müssen Studierende besser in ihre Systeme einführen: "Wer sind die wichtigsten Ansprechpersonen? Wo sind die Daten? Wie sieht der Geschäftskontext aus?"
Universitäten wiederum können Studierende dabei unterstützen, saubere Forschungsdesigns zu entwickeln – und sicherstellen, dass die Arbeit trotz ihres Praxisbezugs wissenschaftlich rigoros bleibt.
Als Dozentin legte Mauz grossen Wert auf Transferkompetenzen: "Theorie ist die Grundlage. Aber echte Lösungen entstehen erst, wenn Studierende ihr Wissen mit den praktischen Realitäten abgleichen – und entsprechend anpassen." Der Unterschied zwischen einer guten und einer herausragenden Abschlussarbeit liegt oft darin, zu verstehen, dass jede Organisation anders funktioniert. "Es gibt keine Einheitslösung."
KI, Missverständnisse und wie man sie richtig nutzt
Digitalisierung verändert nicht nur Geschäftsmodelle – sie prägt auch, wie Forschung gemacht wird. Mauz plädiert für einen konstruktiven Umgang mit neuen Technologien: "KI ist ein Hammer, aber nicht jedes Problem ist ein Nagel."
Sie sieht die Stärke von KI besonders darin, qualitative Daten zu strukturieren, zu recherchieren und zu analysieren. "Gerade bei Interviews kann KI Muster erkennen, die einem Menschen – begrenzt durch seine Hypothesen – entgehen könnten."
Doch sie warnt vor falschen Erwartungen: "Textproduktion ist heute kein sinnvoller Indikator mehr für Tiefe oder Kompetenz." Stattdessen brauchen wir neue Massstäbe: kreative Problemlösung, kritisches Denken und originelle Arbeit. Ihre Empfehlung:
"Wir sollten Studierenden beibringen, gute Prompts zu schreiben und die Antworten kritisch zu beurteilen."
Sie weist auch darauf hin, wie sich die Rolle der Abschlussarbeit verschiebt: "Früher dauerte es Monate, Literaturrecherchen zu machen. Heute kann KI das in Stunden erledigen. Das verschiebt den Fokus: weg vom Sammeln – hin zum Verstehen, Analysieren und in Handeln Übersetzen."
Future Skills
Was brauchen junge Menschen, um in einer technologiegetriebenen Welt erfolgreich zu sein? Für Mauz ist die Antwort klar:
"Neugier. Kritisches Denken. Und die Fähigkeit, mit Unsicherheit umzugehen." Gerade in Unternehmen wie Nokia, wo ständige Veränderung zur Normalität gehört, ist es entscheidend, flexibel und intrinsisch motiviert zu bleiben. "Manchmal braucht es Durchhaltevermögen, aber oft lohnt es sich."
Universitäten wiederum können Studierende dabei unterstützen, saubere Forschungsdesigns zu entwickeln – und sicherstellen, dass die Arbeit trotz ihres Praxisbezugs wissenschaftlich rigoros bleibt.
Sie sieht Universitäten auch als Brücken: "Die akademische Welt bietet einen Blick über das Offensichtliche hinaus. Wenn ein Detailhändler von einem Logistikunternehmen lernt oder ein Hersteller vom Finanzsektor – dann ist das echter Transfer."
Und die Digitalisierung? "Sie hat weniger mit tiefem Tech-Verständnis zu tun, als viele denken. Die Technologie ist bereits da – die eigentliche Frage ist: Wie nutze ich sie zu meinem Vorteil?" Neue Werkzeuge ohne Angst annehmen zu können, ist wichtiger, als jedes Detail ihrer Funktionsweise zu kennen.
Drei Botschaften für Universitäten, Unternehmen und Studierende
Dr. Viktoria Mauz sieht eine Abschlussarbeit nicht als Text, sondern als Denk- und Transferleistung: "Nur wenn wir Theorie in der Praxis testen, können wir Lösungen schaffen, die generalisierbar – und wirklich nützlich – sind."
Ihre drei Handlungsaufforderungen?
An die Universitäten: "Behandelt Abschlussarbeiten nicht nur als Prüfung. Nutzt sie als beidseitiges Transferinstrument. Studierende lernen, Theorie anzuwenden – und ihr gewinnt Erkenntnisse, um die Lehre zu verbessern."
An die Unternehmen: "Definiert konkrete, messbare Probleme. So können Studierende echte Beiträge leisten – und nicht nur vage Hypothesen."
An die Studierenden: "Bleibt neugierig. Und habt eine eigene Meinung. Auch wenn sie gegen den Mainstream geht – so entsteht Innovation."
